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Vortrag von Davide Rossi
21. November 2009 22:41

Erstellt von Presseteam in : Vorträge , trackback

Unterstützung aus dem Ausland: Davide Rossi, Generalsekretär der SISA (Sindacato Indipendente Scuola e Ambiente), der italienischen Bildungsgewerkschaft, ist zu Besuch im besetzten Audimax und hat um 16:00 über die Tätigkeit und Ziele seiner Organisation referiert. Dank eines engagierten Live-Dolmetschers stellte die Sprachbarriere kein Problem dar.

Es folgt eine Zusammenfassung seines Vortrags.

Wer ist die SISA?

Die SISA wurde im Oktober 2007 als unabhängige Gewerkschaft gegründet und setzt sich sowohl für Bildungs- als auch für Umweltpolitik ein. Sie ist ein basisdemokratischer  Zusammenschluss aus Studenten und Schülern, Dozenten und Lehrern, aber auch Eltern, und entstand aus der Erkenntnis, dass Forderungen nur gemeinsam durchgesetzt werden können. Die SISA setzt sich ein für einen grundlegenden Wandel im italienischen Bildungssystem mit den folgenden grundsätzlichen Zielen:

Daneben engagiert sich die SISA auch für den Umweltschutz. Sie wird durch keine politische Partei unterstützt und ist daher “zwar arm, aber dafür unabhängig”.

Gegen welche Missstände opponiert die SISA?

Die  SISA ist entschiedene Gegnerin der Politik von Ministerpräsident Berlusconi (“einem der schlimmsten Politiker ganz Europas”) und seiner Kultusministerin Gelmini. Letztere hatte laut Rossi keinerlei bei ihrem Amtsantritt keinerlei Kompetenz auf diesem Gebiet vorzuweisen. Sie hat 2008 ein höchst umstrittenes Bildungsreformgesetz auf den Weg gebracht, gegen das massiv opponiert wurde. Unter anderem ist geplant, innerhalb der nächsten drei Jahre insgesamt 8 Millionen Euro an Geldern für Schulen und Unis zu kürzen und viele Dozenten- und Lehrerstellen zu streichen.

Die SISA hat als Reaktion darauf die massive Streikwelle mitorganisiert. Am 23.10. gab es einen Generalstreik, der bis heute andauern würde, wenn die extrem restriktive italienische Gesetzeslage dies zuließe. Der nächste Generalstreik steht bereits in den Startlöchern und ist für den 11. und 12.12. angesetzt. Die Demonstrierenden sehen sich massivem Gegenwind von staatlicher Seite ausgesetzt. Da Berlusconi die Medien fest in seiner Hand hat, ist die Berichterstattung über Demonstrationen und Streiks stark eingeschränkt. Die Erfolgsaussichten sind daher gegenwärtig völlig unklar.

Zudem werden Demonstrationen und andere gewerkschaftliche Aktionen von massiver Polizeipräsenz begleitet, wobei die Polizisten laut Rossi schnell aggressiv vorgehen würden und teilweise Exempel statuiert würden. In einem besonders extremen Fall im letzten Jahr seien zwei junge Männer so massiv verprügelt worden, dass sie auf dem Transport ins Polizeirevier an ihren Verletzungen gestorben seien. Gewerkschafter, die gegen Berlusconis Politik opponieren, werden von staatlicher Seite überwacht und alle ihre Telefonate und SMS aufgezeichnet.

Was tut die SISA?

In ihrer Arbeit setzt die SISA auf enge Kooperation mit anderen Gewerkschaften und Organisationen. Sie veranstaltet Demonstrationen, Streiks und Flashmob-Aktionen in Innenstädten. Als ihre wichtigste Aufgabe sieht sie es an, ein internationales Netzwerk zu schaffen (das über gegenseitige Solidaritätserklärungen hinausgeht), da dieselben Probleme in allen europäischen Ländern existieren. Nur wenn sich die Protestbewegung auf die europäische Ebene ausweitet, bestehe die Chance, dass wir das Bildungssystem nach unseren Vorstellungen ändern können.

Interessanterweise ist die aktivste Gruppe innerhalb der SISA nicht die der Studenten, sondern die der Schüler. Grund dafür ist, dass in Italien die Schüler traditionell politisch aktiver sind als die Studenten. Wie in Deutschland werden in Italien vereinzelt Unis und Schulen mit Unterstützung der Dozenten besetzt, allerdings rückt die Polizei relativ schnell und aggressiv an und räumt die Gebäude.

Über die konkreten bildungspolitischen Ziele hinaus sieht sich die SISA in der Verantwortung, für grundlegende gesellschaftliche Änderungen zu sorgen. Vor allem in Mittel- und Süditalien gibt es zahlreiche neofaschistische studentische Gruppierungen, die von radikalen Parteien finanziert werden. Diese Gruppierungen fallen durch rassistische, sexistische und homophobe Aktionen auf. Laut Rossi werden genau solche radikalen Ansichten durch das staatliche Fernsehen transportiert. Ein grundlegender Wechsel in der Kultur für Toleranz und Integration sei deshalb unumgänglich.

Für unseren Bildungsstreik empfiehlt Rossi, dass die Vernetzung und Kommunikation mit Gleichgesinnten in anderen Städten und Ländern extrem wichtig sei. Pragmatismus müsse über allem stehen, ansonsten bestünde die Gefahr einer gegenseitigen ideologischen Selbstzerfleischung. Wir sollten offen sein für jeden, der sich einbringen will.

Nach seinem Vortrag stand Davide Rossi den Studenten bereitwillig Rede und Antwort. In den nächsten Tagen wird er bei YouTube ein kleines Filmchen über seinen Besuch in Erlangen veröffentlichen.

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